Mit der Fastenzeit und insbesondere mit dem Karfreitag werden bei mir alle Jahre Kindheits- und Jugenderinner­ ungen geweckt, die von den Jugendli­ chen heute wohl meist nur noch be­ lächelt würden. Meine Eltern waren aufgrund ihrer religiösen Gesinnung sehr darauf bedacht, dass vom Ascher­ mittwoch bis zum Ostersonntag auf gewisse Dinge verzichtet wurde, was aber für die Erwachsenen genauso gegolten hat wie für uns Kinder. Während dieser sehr lang empfundenen Zeit gab es keinerlei Süßigkeiten, keinen Zucker im Kaffee und wir Kinder mussten jeden Nachmittag in der Schweinegger Kapelle zum Rosenkranz beten antre­ten.

Wesentlich strenger wurde es dann am Karfreitag. Da gab es in der Früh und Abends nur Brot und Butter und für Mittags hat Mutter immer einen mageren Gugelhupf gebacken. Zu dieser Zeit waren am Karfreitag in der Kirche die Fenster mit schwarzen Netztüchern verhängt und es wurden den ganzen Tag mit Ausnahme der Karfreitagsliturgie Betstunden gehal­ten. Das war für uns Ministranten Buße pur, denn während der Pfarrer sich beim Vorbeten bequem auf seiner Lesebank abstützen konnte, mussten wir Ministranten jeweils die ganze Stunde auf den Altarstufen frei knien, und das war schon nach einer halben Stunde sehr schmerzlich und fast unerträg­lich. Und weil die Schar der Ministranten nicht allzu groß war, erwischte es jeden mehrmals am Tag. Meine Mutter hat es jedoch verstanden, ihren Kindern den Sinn des Fastens und Verzichtens zu veranschaulichen, weil so durch mein Opfer das Leiden Jesu abgemildert wurde. Abwechslung und Spaß hatten wir am Karfreitag aber auch, wenn wir mit der Rätsche Krach machen und um die Kirche ziehen durften.

Mit 22 Jahren, das war 1965, trat ich dem Kirchenchor Zell bei, der damals von Hauptlehrer Eugen Müller geleitet wurde. Hier fühlte ich mich mit meiner Tenorstimme immer daheim und wurde da auch gebraucht, denn zu dieser Zeit war jede Männerstimme meist nur zwei- oder dreifach be­setzt. Bei den Frauen sah es immer besser aus. Damals wurde fast jeden Sonntag und an allen Feiertagen ein lateinisches Amt gesungen. Dies bereitete mir immer echte Freude, zu­mal auch meine Frau Lisie den Chor mit ihrer reinen und sehr sicheren Sopranstimme verstärkte.

Franz Abt, damals seit kurzem Lehrer in Zell, hatte Anfang der 1970er-Jahre in der Gemeinde bereits einen Jugendchor gegründet, dem ich auch angehört hatte. Hauptlehrer Eugen Müller war inzwischen über 80 Jahre alt geworden. Nun übernahm Franz Abt im Jahr 1985 den Kirchenchor und brachte auf Grund seines musikalischen Könnens und seiner Begeisterungsfähigkeit viele junge Stimmen zum Kirchen­chor. Der Klangkörper wuchs auf rund 40 Stimmen an und Dank Stimmbildung und dem genialen Können des Diri­genten wurden die Aufführungen immer zum wahren Klang­erlebnis, wobei mit den Streichern aus Rosshaupten das Niveau noch weiter gesteigert werden konnte.

Schon Ende der 1980er-Jahre machte sich Dirigent Abt daran, die Johannespassion von Menschik einzustudieren. Dafür wurden neben dem Chor auch drei sichere Solisten ge­braucht, eine Bassstimme für Jesus, eine Tenorstimme für den Evangelisten und eine Tenorstimme für den Erzähler. Die Rolle des Erzählers wurde mir damals zugewiesen und ich darf diesen Part auch nach über 30 Jahren noch immer mit Respekt und ehrfurchtsvoll darbieten. Die Stimme von Jesus hat bis zu seinem frühen Tod der Lehrer Josef Brenner mit seiner wunderschönen Bassstimme traumhaft bewältigt. Den Part hat dann 1996 Hilarius Paulsteiner übernommen. Die Rolle des Evangelisten liegt bis heute treffsicher bei Josef Guggemos, während der Chor die vierstimmigen Parts vorträgt. Beim anfänglichen Einstudieren der Solostimmen der drei Solisten in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre ha­ben wir bei vielen Einzelproben in meiner Kellerbar nicht nur gesungen, es war auch öfter feucht fröhlich und wir konnten manchmal nach lustigen Versprechern und Lachan­fällen fast nicht mehr singen. Inzwischen ist alles längst zur Routine geworden. Und so wurde die Passion an allen Karfreitagen in der Zeller Pfarrkirche aufgeführt und das immer pannenfrei bis zum Jahr 2019. Nach der Aufführung der Passion am Karfreitag gab es für die Sänger*innen des Kirchenchors aber grundsätzlich noch keine Verschnauf­pause, denn da fand immer noch am Abend die Hauptprobe für Ostern mit Chor und Orchester statt. Das bedeutete schon manchmal starke Stimmbelastung und noch ein zusätzliches Karfreitagsopfer, aber wir machten es immer gerne. Nun gabs im letzten Jahr und auch heuer wegen Corona keine Passion und auch heuer muss die leider so kleine Schar der Gottesdienstbesucher auf einen festlichen Ostergottesdienst mit Chor und Orchester verzichten, was wir Sänger*innen alle überaus bedauern, weil neben der festlichen Aufführung auch das zusammen Proben und jegliche Geselligkeit fehlt.